Workshop: Einführung in die Amazonistik

Dieser Workshop gibt eine Einführung amazonistischer Linguistik.

Die Bedeutung der Sprachenvielfalt des Amazonasbeckens, das annähernd ein Drittel Südamerikas ausmacht, wurde in ihrer Gänze erst recht spät erkannt.
Seit der Erkenntnis, dass Amazonien ein Paradies nicht nur für Biolog*innen oder Anthropolog*innen, sondern auch für Linguist*innen ist, hat sich gezeigt, dass Amazonien viele außergewöhnliche Sprachen beheimatet, die die oft eurozentrische Sicht auf Sprache radikal infrage stellen. Viele sprachliche Universalien mussten relativiert werden, viele bis dato unbekannte Merkmale wurden entdeckt.
Gleichzeitig sind diese Sprachen immer noch unterrepräsentiert, sowohl in vergleichenden Studien als auch in der universitären Lehre, wo es nur selten Einführungen oder gar Sprachkurse zu indigenen Sprachen Amazoniens gibt.
Dieser Workshop soll einen Überblick über Amazonien und die linguistische Amazonistik geben.
Zu Anfang geht es um die hohe Dichte nicht verwandter Sprachen und die geographische Verstreutheit der wenigen großen Sprachfamilien im “Flickenteppich” Amazonien.
Einblicke in die Hintergründe liefern uns die Geschichte und speziell die Forschungsgeschichte: In Amazonien wurde aus Missionierungsbemühungen und Bibelübersetzungen säkulare Sprachforschung – und aus einem recht berühmten Missionar ein Atheist.
Danach wenden wir uns der Morphosyntax der Sprachen Amazoniens zu. Wir befassen uns mit Kategorien, die an Substantiven markiert werden können wie beispielsweise nominales Tempus und beschäftigen uns genauer mit der Frage, weshalb die Beschreibung von amazonischen Sprachen die bisherige Typologie von Nominalklassifikationssystemen ins Wanken gebracht hat.
Auch bei den Verben überrascht uns einiges, z.B. die Vielfalt der grammatischen Distinktionen, wie in der Evidentialität oder im Tempus: manche Sprachen unterscheiden grammatisch zwischen Ereignissen, die heute, vor drei Tagen oder vor langer Zeit geschahen.
Wir möchten auch einige interessante Aspekte aus der anthropologischen Linguistik näher beleuchten. Abschließend möchten wir darüber diskutieren, welche Erkenntnisse die Auseinandersetzung mit den Sprachen Amazoniens in Bezug auf Typologie, Kognition und Gesellschaft bietet.

Bibliographie

Aikhenvald, A. Y. (1999). The Amazonian Languages. Cambridge University Press.
Aikhenvald, A. Y. (2012). The languages of the Amazon. Oxford: Oxford University Press.
Aikhenvald, A. Y. (2017). 'Polysynthetic Structures of Lowland Amazonia', in Fortescue, M., Mithun, M., and Evans, N. (eds), The Oxford Handbook of Polysynthesis.
Aikhenvald, A. Y., and R. M. Dixon (1998). Evidentials and areal typology: a case study from Amazonia. Language Sciences, 20(3), 241-57.
Campbell, L., and V. M. Grondona, eds (2012). The Indigenous Languages of South America: A Comprehensive Guide. The World of Linguistics 2. Berlin; Boston: Mouton de Gruyter.
Derbyshire, D. C., and G. K. Pullum, eds (1986). Handbook of Amazonian Languages 1. Berlin; New York: Mouton de Gruyter.
Eberhard, D. (2009). A grammar of Mamainde (Nambiquara). Amsterdam: LOT.
Grinevald, C., and F. Seifart (2004). Noun classes in African and Amazonian languages: Towards a comparison. Linguistic Typology 8, 243–85.

Info

Tag: 27.05.2023
Anfangszeit: 13:35
Dauer: 01:20
Raum: SH 3.103
Track: Typology and Variational Linguistics

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