Version v0.8

Vortrag: Anfänge und Enden von Sprachnachrichten

Das Besondere an Sprachnachrichten ist die gesprochene Sprache, die dialogisch ausgerichtet ist, aber nicht durch die typischen Regeln beherrscht wird, wie in synchronen Interaktionen. So haben Sprecher*innen jeweils theoretisch ein unendliches (nur durch Technik begrenztes) Rederecht. Sie können nicht unterbrochen werden und gestalten jeweils allein ein Produkt, das das Gegenüber komplett abgeschlossen erhält. Gesprächspartner*innen sind außerdem nicht gezwungen, unmittelbar zu antworten, sondern können beliebig viel Zeit vergehen lassen. Das ist u.a. möglich, weil Sprachnachrichten genau wie Textnachrichten gespeichert und jederzeit wieder abrufbar sind. In meiner Dissertation untersuche ich, wie Sprachnachrichten in einen Nachrichten-Thread (bestehend aus anderen Sprachnachrichten und/oder Textnachrichten) eingebettet sind. Ich habe zu diesem Zweck ein Korpus erstellt, das sich aus 42 ebensolcher Threads zusammensetzt. Insgesamt habe ich 232 Sprachnachrichten (sowie 335 Textnachrichten). Es handelt sich bei hierbei um authentische Daten.

Mein Untersuchungsfokus liegt auf den kommunikativen Aufgaben, die jeweils am Anfang und am Ende von Sprachnachrichten auftreten und welche Strategien Nutzer*innen entwickelt haben, um diese Aufgaben zu lösen. Bei synchroner Interaktion würde es an diesen Stellen z.B. zu Rederechtsaushandlung und Redeübergabe/-übernahme kommen; ausserdem zu Begrüssungen/Verabschiedungen oder Anknüpfungen.

Ich beziehe die Stellung (initial, medial, final) der Sprachnachrichten und die (A)Synchronität des Nachrichtenverlaufs mit in die Analyse ein. Hier sind zwei Beispiele von initialen Sprachnachrichten aus unterschiedlichen Interaktionen:

Transkript „Fahnenfest“
Nachricht #1: 21:38 Uhr.
Marko (Audio, 0:14; vollständig transkribiert)

0001 (0.5) ä: JO,
0002 ä SCHREIB mir ma noch ma bitte: öm,
0003 (.) wann dieses: FAHNfest is ä: wo wir hingehn wolln;
0004 ich hab jetz vergessn grad was fürn DAtum das war–
0005 (1.0) < Ö::m joa >;
0006 (1.0) < das wars auschon >;

Transkript „Wann hast du Geburtstag“
Nachricht #1: 16:39 Uhr
Luisa (Audio, 04:15; Ausschnitte)

0001     (ein Kleinkind spricht unverständlich 2.8)
0002     HAllo liebi rahel–=
0003     hier isch luIsa–
0004     ja hey wie GEITS der?
0005     wie geits EUCH,
0006     de CHING,
0007     (0.8) ähm–
0008     wie geits dire ARbeit,
...
0113     und ehm < JA > auso;
0114     < ganz herzliche GRÜESS >,=
0115     und schöne Abe no–
0116     < TSCHÜ::S > rahel;
0117     TSCHAU:,=
0118     tschau tschau;

Die unterschiedlich gestalteten Anfänge und Enden lassen darauf schliessen, dass hier verschiedene kommunikative Aufgaben gelöst werden müssen, die u.a. von der jeweiligen kommunikativen Gattung der Gesamtinteraktion abhängen. In meinem Vortrag möchte ich erste Ergebnisse präsentieren und auf einige methodische Herausforderungen eingehen.

Literatur

Hector, Tim Moritz (2017): Nutzungskontexte und Dialogizität von WhatsApp-Sprachnachrichten. studentische Arbeitspapierreihe.
Howind, Felix (2020): Die Verwendung von Sprachnachrichten in WhatsApp-Kommunikation. Hannover: Gottfried Wilhelm Leibniz Universität.
König, Katharina/Hector, Tim Moritz (2017): Zur Theatralität von WhatsApp-Sprachnachrichten. Nutzungskontexte von Audio-Postings in der mobilden Messenger-Kommunikation. Networx.
König, Katharina/Hector, Tim Moritz (2019): Neue Medien - Neue Mündlichkeit? Zur Dialogizität von WhatsApp-Sprachnachrichten. In: Interaktion und Medien. Winter. S. 59–84.
Mondada, Lorenza (2010): Eröffnungen und Prä-Eröffnungen in medienvermittelter Interaktion: Das Beispiel Videokonferenzen. In: Mondada, Lorenza/Schmitt, Reinhold (Hg.): Situationseröffnungen: zur multimodalen Herstellung fokussierter Interaktion. Tübingen: Narr. S. 277–334. (= Studien zur deutschen Sprache 47).

Info

Tag: 24.09.2021
Anfangszeit: 11:10
Dauer: 00:40
Raum: Die Zauberflöte

Sprache: de

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